Medizinisch-psychologische Untersuchung
Keine Angst vorm "Idiotentest"
Über die medizinisch-psychologische Untersuchung, MPU, kursieren Gerüchte, Spekulationen und zahlreiche Halbwahrheiten, die bei betroffenen Kraftfahrern im Vorfeld einer MPU schon zu Ängsten und Misstrauen führen. Ängste und Misstrauen sind jedoch schlechte Voraussetzungen, um eine MPU erfolgreich zu meistern. Diplom-Psychologe Michael Bogus, langjähriger psychologischer Gutachter der TÜV NORD GRUPPE, berichtet über die Hintergründe und seine Erfahrungen. Offenheit, Selbstkritik und Verantwortung sind aus seiner Sicht die Stichworte, die eine erfolgreiche MPU kennzeichnen.
Herr Bogus, was empfinden Sie bei Ihrer Arbeit, Menschen zu befragen, die ihren Führerschein wieder erlangen möchten?
Michael Bogus: Im Einzelfall ist es ein gutes Gefühl, den Klienten zu erreichen und zu merken, dass wir oft die erste Stelle sind, die ihm einen positiven Weg weist. Die Probleme mit dem Führerschein haben oft mit den Wechselfällen im Leben des Klienten zu tun. Diese Probleme zu erkennen und dem Klienten bewusst zu machen, ist der Kern meiner Arbeit.
Bitte nennen Sie uns ein Beispiel.
Zur Untersuchung erschien ein junger Witwer, der in einer unbearbeiteten Trauer feststeckte und seinen Lebenssinn infrage stellte. Er reagierte gleichgültig auf seine Punkte in Flensburg. In der Untersuchung gelang es mir, seinen Blick auf positive Dinge zu lenken, wie die Verantwortung für seine kleine Tochter und ihn von der Notwendigkeit einer weiteren therapeutischen Trauerarbeit zu überzeugen. Ich denke auch an die Trunkenheitsfahrerin mit Beziehungsproblemen, die durch meine Beratung ihren Alkoholkonsum als falschen Problemlöser erkannt hat. Untersuchen heißt für mich immer auch beraten.
Was überzeugt Sie, grünes Licht für den Führerschein zu geben?
Wenn deutlich wird, dass jemand von sich aus etwas verändert hat, weil er Einsicht in seine Lebenszusammenhänge bekommen hat. Wenn jemand nicht nur oberflächlich daherredet, sondern sich offen seiner Verantwortung stellt. Wenn jemand verstanden hat, dass der Führerschein nicht aus Versehen entzogen wurde oder die Punkte in Flensburg nicht aus Zufall zusammen gekommen sind. Denn jeder Vorfall im Straßenverkehr hat seine inneren Bezüge zu Lebensgewohnheiten und grundsätzlichen Einstellungen des Menschen. Und genau hier müssen die Änderungen ansetzen.
Was konkret muss der Klient geändert haben?
Es geht beispielsweise bei einem Alkoholfahrer nicht nur darum, dass er sein trinkendes Umfeld infrage stellt. Das wäre nur die halbe Lösung. Er muss die Einstellung zu seinem Umfeld und seinen Trinkgewohnheiten geändert haben. Er muss erkannt haben, dass sein Verhalten im Straßenverkehr nur ein Ausdruck oder ein Symptom für etwas anderes ist. Nur wer überzeugt davon ist, dass er die Änderung seines Trinkverhaltens nicht zum Wiedererwerb des Führerscheins, sondern vielmehr für sich selbst vorgenommen hat, kann langfristig das neue Verhalten beibehalten.
Und wenn Sie feststellen, dass die Änderungen für ein positives Gutachten nicht ausreichen?
Dann ist es selbstverständlich, demjenigen seine Situation zu verdeutlichen und ihm einen gangbaren Weg zum Führerschein zu zeigen. Einen Weg, auf dem er möglichst ohne Umwege an den Kern seiner Probleme herangehen kann. Vielfach ist ein Nachschulungskursus ohne weitere Tests möglich. Im Prinzip aber kann die Überzeugung, etwas ändern zu wollen, schon in der Untersuchung beginnen. Denn das Selbstverständnis des Gutachters ist, dass er den Klienten in die Lage versetzt, den Führerschein dauerhaft zu behalten. Und hierbei sind die Fortschritte des Klienten ausdrücklich zu würdigen, denn Begutachten heißt vor allem achten.
Wie stehen Sie zum Begriff "Idiotentest"?
Die Verwendung des Worts "Idiotentest" bedaure ich als Gutachter außerordentlich, da nicht nur die Untersuchung, sondern auch der betroffene Mensch in seiner Not diskriminiert wird. Durch diesen Begriff geraten die positiven Chancen, die die Beratung innerhalb der Begutachtung bietet, leider in den Hintergrund. Wir organisieren immer wieder kostenlose Informationsveranstaltungen, um diese Vorurteile zu beseitigen.