Hochtechnologie in Perfektion
Anlässlich der 42. Hauptversammlung der Volkswagen AG in Hamburg wurde das sparsamste Auto der Welt vorgestellt: das 1-Liter-Auto. Der bis dato streng geheime Prototyp, von dem viele nie geglaubt hätten, dass er je gebaut werden könnte, ist mit eigener Kraft von Wolfsburg aus zur Hauptversammlung in die Hansestadt gefahren worden: Im Vorfeld der Jahreshauptversammlung hatte der amtierende Vorstandsvorsitzende, Dr. Ferdinand Piëch, mit diesem Forschungsfahrzeug die Strecke zwischen dem Unternehmensstammsitz und Hamburg mit einem Durchschnittsverbrauch von 0,89 Litern auf 100 Kilometern zurückgelegt. Damit hat Volkswagen seine Technologieführerschaft erneut eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Das Ziel, ein fahrfähiges Auto zu entwickeln, das lediglich 1,0 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern verbraucht, konnte nur durch Vermeidung jedweder Kompromisse erreicht werden. So wurden alle vorhandenen technischen Lösungen untersucht und in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Zulieferern durch eine bessere, zumeist leichtere Version ersetzt. Dabei entstand ein Fahrzeug, das in seiner Erscheinung eher einem Sportwagen als einem typischen Forschungsfahrzeug ähnelt.
Aufgrund der konzeptbedingt notwendigen kleinen Windangriffsfläche wurde eine ungewöhnlich schmale und sehr flache Karosserieform gewählt. Die im Windkanal entwickelte Karosserie des 3,65 Meter langen, aber nur 1,25 Meter breiten und etwas über einem Meter flachen Fahrzeugs besteht vollständig aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff. Aus Gründen der Gewichtseinsparung ist sie natürlich unlackiert. Die CfK-Außenhaut spannt sich über einen Spaceframe-Rahmen, der nicht aus Aluminium, sondern aus dem nochmals deutlich leichteren Magnesium hergestellt wird.
Beim Antrieb des 1-Liter-Autos handelt es sich um einen Einzylinder-Diesel, der als Mittelmotor vor der Hinterachse positioniert ist; und zwar in Kombination mit einem automatisierten Direktschaltgetriebe. Kurbelgehäuse und Zylinderkopf des 0,3-Liter-Motors sind in Monoblock-Bauweise aus Aluminium gefertigt. 6,3 kW / 8,5 PS bei 4.000 U/min leistet der Saugdiesel-Direktein-spritzer mit fortschrittlicher Pumpe-Düse-Hochdruckeinspritzung. Er verhilft dem nur 290 Kilogramm leichten Fahrzeug zu einem erstaunlichen Temperament.
Der Kraftstoff-Verbrauch liegt bei nur 0,99 Litern auf 100 Kilometer. Mit einem Tankinhalt von 6,5 Litern können rund 650 Kilometer ohne Tankstopp zurückgelegt werden. Aufgrund des knappen Bauraumes war es nicht möglich, ein vorhandenes Getriebe zu adaptieren. Deshalb kommt ein kompaktes, automatisiertes Sechsgang-Schaltgetriebe zum Einsatz, dass über einen Drehschalter im Cockpit angesteuert wird.
Das aus Leichtmetall gefertigte Fahrwerk und die rollwiderstands-optimierten Leichtlauf-Reifen auf 16-Zoll-Felgen aus extrem leichtem Verbundwerkstoff korrespondieren perfekt mit dem sparsamen Antrieb. Der sportlich knapp gestaltete Innenraum bietet ausreichend Platz für zwei Personen, die nach dem Zurückklappen der kuppelartigen Flügeltür bequem einsteigen können. Auch bei den Sitzen wurde extremer Leichtbau angewendet. So besteht der Sitzrahmen aus Magnesium, statt klassischer Polster kommen hochfeste und dennoch bequeme Gewebespannbezüge zum Einsatz.
Trotz des Leichtbaus in allen Komponenten ist die Sicherheit stets in allen Phasen der Entwicklung des Einliter-Autos ein wesentlicher Bestandteil gewesen. So gehören ein Antiblockiersystem, das Elektronische Stabilitätsprogramm ESP sowie ein Fahrerairbag zur Sicherheitsausstattung des Konzeptfahrzeugs. Deformations-Elemente im Frontbereich sowie die Spaceframe-Konstruktion sorgen für einen Aufprall- und Überschlagschutz, der dem eines GT-Rennwagens entspricht.
Dass es sich beim 1-Liter-Auto von Volkswagen nicht um ein spartanisches Forschungsauto, sondern um ein hochtechnologisches Spezialfahrzeug handelt, zeigt vor allem die sportwagenähnliche Konzeption. Das beginnt bei der besonderen Sitzanordnung: Fahrer und Beifahrer sitzen in zentraler Position wie in einem Monoposto, allerdings zu zweit in Tandem-Position, der Motor ist als Mittelmotor quer vor der Hinterachse installiert. Das aufwendig konstruierte Leichtbau-Fahrwerk (Doppelquerlenker vorn, DeDion-Hinterachse) sorgt in Verbindung mit dem niedrigen Schwerpunkt und dem geringen Fahrzeuggewicht für ein sehr agiles Lenkverhalten.
Dem Projektteam ist es dadurch auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen, Fahrspaß mit einem bislang unerreicht niedrigen Verbrauch zu kombinieren.
Auch verfügt das 1-Liter-Auto über zahlreiche praktische und komfortable Details. So befindet sich im Heck unter einer separaten Klappe ein leicht zugänglicher Stauraum mit einem Fassungsvermögen von 80 Litern; eine Rückfahrkamera hilft beim Rangieren; eine automatische Ver- und Entriegelung der Flügeltür und ein Startknopf im Cockpit ermöglichen eine Bedienung ohne Schlüssel.
Das Fahrzeugkonzept des 1-Liter-Autos vierrädrig, flach, mit zwei hintereinander angeordneten Sitzen gibt einen Ausblick auf eine mögliche neue Fahrzeugfamilie, die vom Supersparmobil über den preiswerten Alltagstourer für junge Leute bis hin zum Supersportler mit exzellenten Fahrleistungen einen neuen Bedarf abdecken kann.